22. Juli 2019

Ich war bei Wikipedia

Die Wikipedia war mir etwas wert. Immerhin von 2013 bis gestern. Ich war nie besonders aktiv, habe gelegentlich Rechtschreibfehler oder broken links korrigiert und sehr selten mal einen Absatz verfasst. Im Wesentlichen war da ein kleiner, regelmäßiger, von Herzen gegebener Betrag.
War.

Wikipedia – gegen Frauen und gegen Phantastik

Theresa Hannig, Seraph-Preisträgerin, wollte Anfang des Jahres 2019 eine Liste deutschsprachiger SciFi-Autorinnen erstellen. Idee dahinter war, den weiblichen Autoren des Genres mehr Sichtbarkeit zu geben und im Rahmen des Projekts so manche vergrabene Literaturperle freizulegen. Die Statistiker vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatten Ende 2018 nachgezählt und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Autorinnen im Literaturbetrieb systematisch unterrepräsentiert sind. An der Notwendigkeit war also was dran.
Ich folge Theresa auf Twitter. Über ihre Posts habe ich von der Liste erfahren und von der Löschdiskussion. Denn von Wikipedianern gab es schon nach wenigen Tagen erbitterten Widerstand. So eine Autorinnenliste konnte ja gut Teil einer allgemeinen AutorInnenliste sein (was im Bezug auf die Ergebnisse des Börsenvereins ein bisschen uninformiert klingt), zudem war der Ton der Diskussion rauh. Das hat mich irritiert. Ich habe im Zuge dessen auch erfahren, dass es in der englischsprachigen Wikipedia schon längst Usus ist, bei klarer Unterrepräsentanz sehr wohl zusätzlich zur Hauptliste entsprechende Nebenlisten zu erstellen. All dieses vernünftige Gerede hat die Wikipedia aber nicht gestört. Nach ausgiebigem Getrolle wurde die Liste der deutschsprachigen SciFi-Autorinnen als irrelevant eingestuft. Jan Böhmermann fasste damals zusammen.

Die Wikipedia erhebt Gummi-Relevanzkriterien zur Glaubensfrage

Die Wikipedia nimmt sich selbst ernst genug, um in zwei Glaubensrichtungen zu zerfallen: Inklusionisten und Exklusionisten. Während erstere im Allgemeinen jede Information für wertig genug halten, in einer freien Enzyklopädie genannt zu werden, wollen letztere Hüter einer „enzyklopädischen Relevanz“ sein.

Wikipedia, Enzyklopädie ohne Wissenschaft?

Die Wikipedia wird nicht von Fachleuten verfasst, fachliche Kompetenz führt nicht zu einem besonderen Rang innerhalb der Mods und Admins, sie spielt schlicht und ergreifend keine Rolle. Für eine Seite, die Wissen schaffen und pflegen möchte, erscheint mir das ehrlich gesagt ein wenig krude. Aber es ist schlimmer. Aus meinem Freundeskreis höre ich, dass Fachleute sich keine Mühe mehr machen, sachliche Korrekturen durchzuführen. Das haben sie schon probiert, aber die meiste Zeit wurde die Korrektur dann von einem Mod oder Admin kassiert, dessen Selbstbewusstsein seine Kompetenzen überstieg. Der langjährige Wikipedianer Mautpreller beschreibt in seinem Kommentar zu einem Blogartikel von Theresa anschaulich, wie die Wikipedia aktiv Fachleute verkrault. Mir scheint es zunehmend so zu sein, dass die hauptsächliche Qualifikation von Mods und Admins darin besteht, einander auszuhalten.

Gummikriterien und Rachsucht

Enzyklopädische Relevanz für Vereine definiert die Wikipedia so:

Als relevant gelten Vereine, Verbände, Netzwerke und Bürgerinitiativen, die mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllen:

  • eine überregionale Bedeutung haben,
  • besondere mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben,
  • eine besondere Tradition haben oder
  • eine signifikante Mitgliederzahl aufweisen.

Danach ist die Definition zu Ende. Was heißt überregional, was ist besonders, und was bitte soll eine signifikante Mitgliederzahl sein? All das wird nicht definiert. So darf jeder nach Lust und Laune zweifeln und meinen wie er will. Genau das ist vor einigen Tagen der Autorinnenvereinigung Nornennetz passiert (nicht relevant) und wird gerade beim Phantastik-Autoren-Netzwerk versucht (vielleicht nicht relevant). Wie bei anderen Löschdiskussionen ist auch hier die Formulierungslage unwahrscheinlich herablassend. Persönliche Angriffe sind leider ganz normal. Dazu bemühen sich Löschbefürworter redlich, möglichst uninformierte Aussagen zu treffen. Etwa schreibt jemand in der PAN-Löschdiskussion über das Börsenblatt:

[…] mediale Aufmerksamkeit meint nicht Branchenblättchen

Na gut. Das Blättchen ist ja nur herausgegeben vom Börsenverein des deutschen Buchhandels. Der wiederum ist ja nur der größte Verein im deutschen Buchmarkt. Und der wiederum ist ja nur eine Branche mit 12 Mrd € Jahresumsatz.

Übrigens sind das Nornennetz und das PAN beides Gruppen, die sich stark hinter Theresa Hannigs SciFi-Liste gestellt hatten. Stefan Holzhauer von PhantaNews hat hier seine Wut über diese seltsamen Zusammenhänge formuliert. Ich kann ihm nur zustimmen. Ich bin fassungslos.

Die Freiheit zu löschen

Die Wikipedia lebt nicht davon, dass Wissenschaftler und Fachleute (die das eigentlich gerne würden) Artikel kuratieren. Gleichzeitig sind aber ebenjene, die Fachleute verkraulen, dann wieder als Exklusionisten heiß dabei, Artikel auszumerzen, die für das Weltwissen ihrer Meinung nach nicht relevant sind. Ich bin Schriftsteller, das ist dir sicherlich aufgefallen. Ich recherchiere viel und auch mal krude Sachen. Dabei lande ich gefühlt immer weniger auf Wikipedia und immer mehr auf Blogs oder rührigen Regionalwikis.

Die Wikipediaseite des PAN sieht aktuell so aus:

Es gibt also tatsächlich inzwischen ein Vereins-Wiki, weil die Wikipedia sich für den Ortsverband der Sportschützen von Hinterdupfing zu schade ist? Wow. Irgendwie cool. Und irgendwie richtig.

Denn die Wikimedia Foundation hält sich ja zurück. Sie könnte übergriffige Mods und Admins sperren, macht davon aber nicht einmal Gebrauch, wenn jemand mit böswilligen Formulierungen, Ausgrenzungsversuchen und Wissenschaftsfeindlichkeit auffällt.

Currywurstversion eines Konversationslexikons

Freies Wissen darf nicht bedeuten, dass Leute, die nicht gewählt wurden und keine Fachkenntnis nachweisen können, bestimmen, was nicht wissenswert ist. Das ganze System der Relevanzkriterien und die selbstgefällige Argumentation alter Wikipedianer stößt mich ab. Ich habe bei Diskussionen den Eindruck, als versuchte ein harter Kern von Leuten, die Wikipedia zur Currywurstversion eines Konversationslexikons umzuschleifen. Das kann ich nicht mehr unterstützen.

Ich habe in mich hineingehorcht. Tatsächlich ist mir für’s Erste egal, ob die Seite des PAN nun gelöscht wird oder nicht. Was für einen Unterschied soll denn eine Seite ausmachen? Aber ich habe der Wikimedia geschrieben, dass ich nicht mehr spenden werde. Ich hoffe, dass offene Briefe wie dieser die Organisation daran erinnern, dass sie eigentlich mal angetreten war, freies Wissen zu generieren und zu pflegen. Wikipedia, wäre schön, wenn ihr das wieder hinbekommt.

19. Mai 2019

Lev Grossman – The Magicians Trilogy

Quentin Coldwater, 17 Jahre, ist brillant, aber unglücklich. Sein Alltag langweilt ihn. Stattdessen träumt er sich in die magische Welt Fillory aus einer sehr kitschigen Kinderbuchserie. Da erhält er einen Brief, der fliegt ihm davon und führt ihn durch eine Hecke hindurch in eine magische Universität.
Man wird ihm das Zaubern beibringen. Zusammen mit anderen, die ihn an Intelligenz, Missmutigkeit und sozialer Inkompetenz in nichts nachstehen. Aber wird er dadurch irgendetwas lernen?

Über die Ziellosigkeit einer ganzen Generation

The Magicians handelt von einem Gefühl, das viele meiner Generation umtreibt. Nämlich dem, dass das eigene bequeme Leben möglicherweise total sinnlos ist. Magie, das bedeutet doch, dass etwas wie von allein kommt. Aber wie von allein bekommen wir doch schon alles. Und es ist fad.
Die Trilogie erzählt von diesem Mangel an Sinn. Es ist eine Zauberlehrling-auf-Zauberschule-Geschichte, aber öffnet sich zur Geschichte eines ganzen Lebens. Magie in The Magicians ist eine Arbeit wie jede andere – und fühlt sich auch so an.

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31. März 2019

Leipziger Buchmesse 2019 – Rückblick

Wieder ist eine Buchmesse vorbei und ich gehe mit neuen Eindrücken in die nächsten Monate. Da kommt gleich Vorfreude auf die nächste Messe auf! Aber welche? Frankfurt?

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„Die Verletzung des Schülers war zu auffällig, um sie zu ignorieren. Das jedenfalls dachte Herr Albrecht, als er die Tür des Lehrerzimmers öffnete und draußen den Jungen stehen sah. Gelegen kam es ihm nicht, denn er hatte kaum Zeit.“

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