Ein Raubtraum und der Weg zum Moor

Der folgende Artikel ist der zweite Teil meiner Hinter den Kulissen-Reihe zu Irrlichtkönigin: das Märchen vom Moor. Mein Dark Urban Fantasy Märchen basiert auf einem Traum, den ich im September 2015 hatte. In diesem Artikel offenbare ich euch, wie Träume mich gruseln und zugleich inspirieren. Ich zeige, wie bei mir aus Träumen Geschichten entstehen. Und ich plaudere darüber, wie aus dem Traum und meinen im ersten Teil beschriebenen Ideen ein Roman wurde.

Nachts kommen sie raus

Ich träume gern und heftig. Als Kind handeln einige meiner lebhaftesten Erinnerungen von Albträumen. Statt einzuschlafen fiel ich ins Nichts. Ich wurde gejagt. Mal von einem Bienenschwarm vor einem leuchtend gelben Hintergrund. Mal von einem T-Rex – was weniger witzig war, als es heute klingt! Es ängstigte mich. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam, aber als es eines Tages dämmerte und mir der Gedanke an die aufkommende Nacht besonders schlimm vorkam, sagte ich mir: Lass es gut sein. Warum hast du Angst? Genieß es doch.

Und das klappte tatsächlich. Ich spüre heute noch die Erleichterung, wenn ich daran denke.

In der Folgezeit gefiel es mir, den großen Dinosaurier mit dem schrecklichen Maul genau zu beobachten. Ich weiß, dass ich mich daran erfreut habe, seine faltige Reptilienhaut aus der Nähe zu sehen. Wahrscheinlich hatte ich sie kurz vorher in einem herumliegenden Magazin oder in einer Doku entdeckt.

Träume werden zu Geschichten

Ich begann, luzid zu träumen, also meine Träume aktiv zu beeinflussen. Eine Zeit lang habe ich das richtig gut gekonnt, inzwischen habe ich es leider wieder verlernt, aber was seitdem (beinahe) immer der Fall ist: Ich empfinde meine Träume als eine Bereicherung in meinem Leben.

Na gut, einmal im Jahr wache ich weiterhin zitternd auf. Eine dieser Episoden hat meinen ersten Roman Ben Vogt: Hexenjagd mit geprägt, du kannst sie hier nachlesen.

Aber die anderen vielen Tage im Jahr finde ich selbst die grausigsten nächtlichen Erscheinungen nur schön. Und gelegentlich träume ich dabei etwas, das mich inspiriert.

Das schreibe ich mir dann auf.

Ich rapple mich auf, ignoriere – so gut es geht – Frau und Kinder und greife nach der nächsten Möglichkeit, irgendetwas aufzuschreiben. Dann fange ich an. Ich notiere, so schnell ich kann. Ich spreche, so möglich, mit niemandem. Immerhin weiß ich, wie schwach der Faden zu vergangenen Träumen ist. Wie leicht er reißen kann. Ich notiere, in der Reihenfolge, wie es mir in den Sinn kommt, alles, woran ich mich erinnere. Und dann, wenn ich fertig bin, blicke ich auf, und wenn da außer mir noch jemand ist, sage ich: „Guten Morgen!“

Aus einem „schweren Wald“

Ich sehe einen schweren Wald, Nadelwald, ich sehe eine starke U-Kurve in diesem Wald, dort, wo die Krümmung am stärksten ist, ist ein leichter Abhang (2 Meter, 4 Meter), insgesamt ist der Abhang schmutzig und erdig und rutschig. Alles Pampe, wenn es geregnet hat, am Boden überall Nadeln von den Nadelbäumen, nix mit Moos und feenhaft, eher sehr düster, grad, wenn es wenig Wolken gibt. Die Kurve / Straße wirkt auch so, als wäre sie vollständig von Bäumen überhangen, als sähe man auf diesem Teil der Straße nicht einmal den Himmel.

An dieser Kurve passieren viele Unfälle. Doch Autos, die diesen Abhang herunterrutschen, findet man oft gar nicht, nur die Reifenspuren hinunter, aber keine Spuren danach, als würden die Wägen im Nichts verschwinden. Manchmal findet man ein Auto am Straßenrand, vielleicht noch mit Warnlicht an, einer Tür offen, der Schlüssel steckt, aber die Insassen sind verschwunden.

Aus meinen Notizen

Der Text oben stammt aus meinen Originalnotizen. Ich habe ihn am Morgen des 20. 9. 2015 angefertigt, es war ein Traum mit insgesamt drei Episoden. Die unsaubere Wortwahl bitte ich zu entschuldigen, ich war noch müde 😇

Die Täter in dieser ersten Episode waren Schrate, das sind magische Waldbewohner, die sich als lebende Bäume an Menschen vergreifen. In meinem Traum bekamen sie in der zweiten Episode ein Gesicht, sie gruben sich martialisch aus der Erde und erinnerten optisch weniger an Bäume als an Moos-Zombies. Für die Irrlichtkönigin habe ich diese Idee aus dem Traum nicht übernommen. Stattdessen habe ich eine Optik und ein Wesen gewählt, die sie vom Monster wegführten und sie mehr zu einem Teil der Wälder machte:

Wenig später raschelte es unter der Birke. Das Blattwerk spuckte einen wandernden Baum aus. Sein knorriger Körper bestand fast ausschließlich aus einem behäbig breiten Stamm. Es gab keinen Hals, kein Kinn, aber obenauf saß ein grob geschnitztes Gesicht mit zahllosen verwachsenen Augenhöhlen. Der Baumstamm hatte einen einzigen, kräftigen Ast, der sich wie ein Arm bewegte.

Aus Irrlichtkönigin: Das Märchen vom Moor

Es musste Niederbayern sein

Schon in der ersten Reinschrift dieser Notizen finde ich einen Kommentar, der das Setting der Irrlichtkönigin in Niederbayern verortet. Die Gegend ist nämlich nicht nur die Heimat meines zauberkundigen Urgroßvaters sowie ein Ort sagenhafter Märchen – dort liegen auch diejenigen Landschaften, die mein Hirn mit solchen Straßen, Hügeln und Wäldern verbindet, wie mein Traum sie mir gezeigt hat.

Die ersten Jahre meines Lebens bestand Urlaub aus Reisen in den Bayerischen Wald. Für Heranwachsende gibt es dort viel zu sehen: Bauernhöfe bieten Urlaubs-Apartments mit Streichelzoo an. Eine fabelhafte Wanderbahn führt zwischen Bergen und Flusslandschaften hindurch. Man kann wandern, man kann Burgen und Auen bewundern. Und nicht zuletzt sieht man es in den Glasmanufakturen funkeln und blitzen und herrlich bunt leuchten. Wenn ich an Kindheitserinnerungen und den Bayerwald denke, dann sehe ich genau dieses märchenhafte Leuchten vor mir.

In meiner Erinnerung bestand der Bayerwald aus kleinen, abgelegenen, verschworenen Orten. So ist er nicht. Er ist eigentlich eher kuschelig und zugleich weltoffen. Aber die Vorstellung, dass es irgendwo im Bayerischen Wald eine Gemeinde wie aus meiner Erinnerung geben könnte, ließ mich nicht los. Während ich darüber brütete, entstand in meinem Kopf ein entlegenes, idyllisches Dorf. Dazu gesellten sich eine verschworene Einwohnerschaft und ein Glaser-Reichtum, bei dem es nicht mit rechten Dingen zuging.

»Vor knapp fünfzig Jahren hat der Glasermeister Ignaz Aigner Formeln für fallsichere und dennoch klangschöne Kristallgläser ersonnen. Später Glasscheiben, die jedem räuberischen Treiben standhalten. Obendrein Panzerglas. Der Herstellungsprozess bleibt bis heute ein Firmengeheimnis und er bildet die Grundlage des örtlichen Wohlstands.«

Aus Irrlichtkönigin: Das Märchen vom Moor

»Lass mich einige Worte zur Wilden Nacht verlieren. Für euer Mobiltelefon gibt es die ASWiNa, die Allgemeine Sicherheitsapplikation zur Wilden Nacht. Sucht den Elektrohändler im Ort auf. Ersucht ihn darum, ASWiNa auf euren Telefonen zu installieren, sodann wird euch kein Gewitter überraschen. Kehrt vor Beginn der Stürme in eure Häuser zurück. Versperrt die Türen. Lasst an allen Fenstern die Rollläden herab. Und verlasst fei das Zuhause während der gesamten Nacht nicht, selbst dann, wenn ihr die gar seltsamsten Geräusche hört.«

Ebenfalls aus Irrlichtkönigin: Das Märchen vom Moor

Schwarzenried war schon früh in meiner Planung ein Ort, der mit zahlreichen Wundern aufzuwarten wusste und der zugleich seine Geheimnisse in Regeln verpackte, die beinahe vernünftig wirkten. Maria und Paul, das Paar, das in der Geschichte der Irrlichtkönigin nach Schwarzenried zieht, um sich dort ein neues Leben aufzubauen, wird im Besten und düstersten Sinne des Wortes verführt.

Diebstahl und Verführung

In meinen ersten Fassungen des Dark Urban Fantasy Märchens stand am Anfang eine Entführungsszene ganz ähnlich der aus meinem Traum. Eine Gruppe Jugendlicher verirrte sich, Schrate drängten sie vom Weg ab und verschleppten sie. Dieser Einstieg war recht blutig und actionreich. Er passte bald nicht mehr zu dem ruhigen Ton, den die Geschichte in der ersten Hälfte anschlug, vor allem aber fand er zunehmend nicht mehr mit Maria zusammen.

Maria war von Anfang die wichtigere Hälfte des Pärchens. Immerhin lernen wir aus ihrer Perspektive Schwarzenried und die dahinterliegende Welt kennen. Maria brauchte keine Ungeheuer, sondern einen eigenen Anreiz, eine eigene Verführung. In meinem Traum gab es eine dritte Episode, in der eine Anderswelt-Königin ein Paar zu sich holte – nicht unbedingt zu deren Vorteil. Und im Grübeln über meinen Traum wurde mir klar, dass Schrate und märchenhafte Glaserschaffer dieses Reich nicht allein bevölkern durften. Maria brauchte in dieser Geschichte über das Stehlen einen ganz persönlichen Plot, etwas, das sie und nur sie auf eine ganz besondere Art anzog. Ich wollte etwas, das sie einlullt, einfängt, einhüllt wie ein schrecklicher, aber irgendwie genussvoller Traum. Und so habe ich in ihre Gefühlswelt einfließen lassen, wie ich selber Träume genieße, wie sie mich locken und hinfort tragen.

Das Irrlicht, das im Moor bei Schwarzenried wohnt, war anfangs nur eines von vielen Märchenwesen in meiner Geschichte, aber es entwickelte sich bald zu einem heimlichen Star und schließlich zur entscheidenden Figur, der Königin des Romans. Aus einer Geschichte über Raub wurde eine über Verführung. Maria lernt dieses Irrlicht während eines Spiels ihrer Kindergartenkinder kennen, das beschreibe ich im ersten Teil. Danach lockt es in ihren Träumen, und bald lässt es sie nicht mehr los …

In der Nacht träumte Maria.
Sie saß im Schlick. Wasser umspielte ihre Beine. Ihr Haar fiel zu Boden, wo es mit den Moosen und den Gräsern verschmolz. Strähnen davon verbanden sich mit der Wasseroberfläche. Sie lagen wie Spinnweben darüber, zogen weiter in das Gewässer hinein, bis die Dunkelheit sie verschluckte.
Aus Irrlichtkönigin: Das Märchen vom Moor

Ein Leben voller Questen: Meine Recherche-Heldentaten!

Die Entstehungsgeschichte der Irrlichtkönigin ist eine Verneigung vor der Arbeit meines Urgroßvaters und vor den magischen Geschichten, die es über ihn gibt. Sie ist eine Liebeserklärung an den bayerischen Wald, an seine Mythen und Sagen und seine gelegentliche Schrulligkeit. Sie ist eine Liebeserklärung an Träume. Aber wovon ich noch gar nicht erzählt habe: Sie war auch viel Arbeit. Um die Geschichte so erzählen zu können, wie ich sie haben wollte, musste ich einiges lernen. Viel mehr, als ich ursprünglich dachte. Deshalb will ich zum Abschluss dieser Reihe von meinen Recherchen erzählen. Sie waren eine Ansammlung märchenhafter Questen … mit einem schwerwiegenden Fehlschlag. Sei gespannt und lies mehr über meine Recherchequeste: Fechtunterricht, Moosfotografie und eine Wissenslücke​.

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Irrlichtkönigin: Hinter den Kulissen

In dieser Artikelreihe erzähle ich von den Hintergründen zum Märchenroman Irrlichtkönigin: Das Märchen vom Moor.

Das Dark Urban Fantasy Märchen beschreibt einen besonderen Sommer im Leben der Erzieherin Maria: Sie sucht das Glück und findet ein Irrlicht.

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