Hinter den Kulissen: Der Traumjäger

In diesem Mehrteiler beschreibe ich, wie mein Roman Der Traumjäger entstanden ist und was mich dabei beeinflusst hat. Du bist herzlich eingeladen, zu kommentieren, Fragen zu stellen und mitzudiskutieren.

3. September 2018

Münchner Kleinbürgertum trifft Sagenschatz

Wie jetzt, Phantastik in München?

Die Grimms haben Sagen über Wesen gesammelt, die Albträume bringen, und sie als Geisterwesen beschrieben, die durch kleinste Löcher in Wänden dringen können. Im bayerisch-österreichischen Raum gibt es allerdings eine Reihe von Sagen, in denen der Alb (oder Trud) nicht ein fremder Geist ist, sondern ein Mensch. Molfgang Morscher von Sagen.at hat eine Reihe davon gesammelt (Der Nachbar als Trud, Von der Trud, Die Trud und Die Trud muss drücken). Allen ist gemeinsam, dass die Menschen, die andere derart heimsuchen, sehr darunter leiden.

Die Geschichte eines anonymen Mannes, der anderen den Schlaf raubt, gehört in eine große Stadt. Mir war ganz schnell klar, dass es meine Wahlheimat München werden sollte. Und dabei habe ich dann auch ein weiteres phantastisches Element des Romans entdeckt.

Wunderbar kleinbürgerlich

Ich komme aus der Region um das oberbayerische Rosenheim. Wie mein Urgroßvater wollte ich von zu Hause weg, bin dann aber nicht sehr weit gekommen. Ich habe es nicht einmal aus Oberbayern herausgeschafft.
München ist eine wunderbare Stadt. Ich fühle mich hier seit Jahren pudelwohl. Eine moderne, weltoffene, fleißige, saubere, effiziente und kleinbürgerliche Stadt. München ist mit seinen vielen Parks und dem großen Stadtgebiet bei gerade mal 1,5 Millionen Menschen einfach zu klein, um so wild wie Berlin mit seiner Elektroszene zu sein oder so starke Subkulturen zu entwickeln wie die linken Bewegungen in Hamburg. Der Münchner an sich ist bodenständig.

Ich habe zwei Tage gebraucht, bis mir aufgefallen ist, was mir in München fehlt: Ob ich jetzt unterirdisch zur U-Bahn laufe, in einer Unterführung unterwegs bin oder im Park unter eine Brücke trete – nirgendwo stinkt es nach Pisse.
Ein Bekannter aus Hamburg

Tiefenentspannt … meistens nicht

Und gleichzeitig ist die Stadt ausreichend groß, dass die Leute sich in der U-Bahn ignorieren, auf der Einkaufsmeile der Kaufingerstraße von der Masse der anderen überfordert sind und einander in einem Mietshaus nicht mehr kennen. Ich wollte das einfangen. Den Oktoberfest-Teil Münchens kennt ja jeder, oder hat zumindest eine Idee aus Internet, Funk und Fernsehen. Aber das liebevoll Kleine, überfordert Anyonyme, leicht Gehetzte, das die Stadt an sich hat, das hat gut zur Geschichte meines übernatürlichen Stalkers Ben Vogt gepasst. Ich wollte dieses Flair meiner Wahlheimatstadt einfangen. Ich wollte ein München, das schön ist, aber unbehaglich. Wie in echt.

Laura führte mich bis zu einigen warm angezogenen Leuten vor dem Mietshaus, die wohl einen Besichtigungstermin für die freie Wohnung hatten. Viele der Wartenden bewegten sich unruhig, manche raunten sich zu. Sie rochen. Wie Menschen, sicher. Aber zusätzlich erschnüffelte ich Angst. Dazu Rastlosigkeit, Unruhe, Aufregung. Die unangenehme Ausführung, die man in den Eingeweiden spürt. Also, wie wenn man dringend eine Wohnung sucht. War eigentlich ganz klar, so genommen.

aus: Der Traumjäger

Bayerische Anonymität

Ich bin auf dem bayerischen Land groß geworden, in der wenig gesprächigen Umgebung von Kleinbauern. Die Schule habe ich in einer Kleinstadt besucht, in der die Menschen einander nicht grüßten. Jetzt lebe ich in einer Großstadt, in der die Menschen einander ignorieren, weil sie voneinander überfordert sind. Ich sage mal so: Ich bin’s ja gewohnt.
Wenn ich auf Geschäftsreise gehe, etwa ins Ruhrgebiet oder nach Hamburg, stelle ich immer wieder erstaunt fest, dass ich mit Fremden rede. Das wäre mir in München nicht passiert.
Und so kommt es, einem Klischee von verschlossenen bayerischen Menschen auf der Spur, dass ich mir denke: Niemand kennt in einem fünfstöckigen Mietshaus seine Nachbarn. Wenn jetzt nebenan eine Hexe wohnt und einen ganz normalen Arbeitsplatz hat – wer würde das schon wissen? Und ist es nicht andererseits so, dass wir das oft sagen, von einer alleinstehenden alten Frau vielleicht, sie wäre eine alte Hexe? Wenn neben mir eine alte Hexe wohnen würde, könnte ich das mitbekommen? Oder mich doch vielleicht eher wundern, wenn ich nach exzessivem Grillen auf dem Balkon einen Hexenschuss habe?
Und wie fühlt sich eigentlich so eine Hexe?

Während ich meinen eigenen Gedanken nachgegangen war, hatte Lauras Monolog den Sport verlassen, und ein Detail brachte mich zurück. Denn neben Laura war auch ihre Großmutter Trude eine Hexe. Die Familienmitglieder ahnten es bei beiden, konnten sich aber nur wenig darunter vorstellen. Familie, das war der Oma wichtig, darum hockte der ganze Familienclan, mit Namen Wolf, auf einem Haufen – in einem Mietshaus gleich um die Ecke. Ein Umstand, den man auf dem bayerischen Land immer wieder antraf, in der Stadt allerdings nicht. Ich wunderte mich, und Laura klärte mich auf. Der Vermieter kannte Trude von Kindheitsbeinen an. Er stand, so beschrieb es mir Laura, ähnlich stark unter der Fuchtel der Alten wie die Familie selbst.
Unvermittelt schwieg sie und strahlte mich an.
»Was ist?«, fragte ich.
»Mensch, weißt du, wie cool das mit dir jetzt ist. Wenn ich mit den Einfachen rede, also, äh, ich mein, die nix mit den anderen Welten zu tun haben, dann muss ich immer überlegen, was sag ich und was lass ich aus? Und das sind ja alle in der Familie, außer Oma. Alle in der Schule. Alle im Verein.« Sie runzelte die Stirn. Dann sagte sie: »Und Oma ist steinalt.«
aus: Der Traumjäger

Übernatürliches in München bleibt münchnerisch

Das zweite phantastische Element in meiner Geschichte, das waren also Hexen. Und jetzt, mal nur so überlegt: Wenn sich in München Hexen gute Mietverträge sicherten und arme Seelen die Träume der Menschen heimsuchen müssten, das würde doch niemand merken. Oder anders herum: Die Welt wäre genauso wie jetzt.
Irritierender Gedanke, nicht wahr?

Meine Hexen leben wie mein Alb einsam und in einer gewissen kleinbürgerlichen Enge. Doch während der Alb Ben darunter leidet, dass er anderen Menschen Albträume bringt, genießt Laura ihren Freiraum als Hexe. Sie unterschätzt, wie schlecht es ihm eigentlich geht. Und das setzt in einem anonymen Mietshaus Ereignisse in Gang, die viel zu lange unentdeckt bleiben …

Viel Vergnügen mit Der Traumjäger.

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„Die Verletzung des Schülers war zu auffällig, um sie zu ignorieren. Das jedenfalls dachte Herr Albrecht, als er die Tür des Lehrerzimmers öffnete und draußen den Jungen stehen sah. Gelegen kam es ihm nicht, denn er hatte kaum Zeit.“

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