24. September 2017

Vom Denken und vom Arbeiten

Im Deutschunterricht, sechste Klasse, nimmt man Phantasieerzählungen durch. Wir hatten alle viel Spaß, aber ich blühte regelrecht auf. An diese kurze Zeit denke ich heute noch gern zurück. Aber sie ging auch viel zu schnell vorbei. Ehe mir klar wurde, was geschah, war die Schulaufgabe geschrieben und der Lehrer hatte seine Pflicht getan. Über das Schreiben hatte ich nichts gelernt. Stattdessen ging es wieder zurück in den müden Trott des sonstigen Deutschunterrichts. Wahrscheinlich lernten wir, Satzbestandteile lateinisch zu benennen.

Beruflich wollte ich später mit Dinosauriern arbeiten, Astronaut war auch eine Option. Mit meinem Vater steckte ich Dioden zusammen und tippte Kommandozeilen in frühe PCs. Ich hatte also eine gewisse Auswahl an Möglichkeiten. Der Beruf Schriftsteller ist mir nicht in den Sinn gekommen. Das könnte am Deutschunterricht gelegen haben.

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13. September 2017

Thomas Sweterlitsch: Tomorrow and Tomorrow

Slipstream kippt sauber in Near Future Thriller – toll konstruiertes Buch mit intensiven Innenansichten eines Cyberpunk-Drogensüchtigen

Vorweg:

Ich habe die englische Version gelesen. Da das Buch insgesamt eher anspruchsvoll ist, war das ein bisschen anstrengend, aber auch großartig. Lesern, die sich komplexere Literatur auf Englisch zutrauen, kann ich die englische Version gut empfehlen.

Zur Story:

John Dominic Blaxton, Protagonist und Ich-Erzähler, ist ein gescheiterter Literat. Er hätte wohl irgendwann in seiner Heimatstadt Pittsburgh, USA, einen unter Kennern gelobten kleinen Lyrik-Verlag gegründet, wenn nicht vorher ein Attentat mit einer Atombombe Pittsburgh vollständig ausgelöscht hätte.

10 Jahre später ist Blaxtons Problem, dass er während des Attentats auf einer Konferenz in Florida war. Er hat überlebt. Seine schwangere Frau aber nicht, und mit ihr ist auch seine Energie für eigene Pläne verloschen. John ist ein gebrochener Mann. (mehr …)

21. Juni 2017

Peter S. Beagle: Summerlong

Intensive und tiefgründige Geschichte um ein altes Paar, dessen Leben durch den Besuch einer mystischen jungen Frau aus den Fugen gerät.

Peter S. Beagle, Autor von „Das letzte Einhorn“

Wem Peter S. Beagle nichts sagt, der kennt ihn wahrscheinlich trotzdem: Er hat „Das letzte Einhorn“ verfasst. Sein Roman „Summerlong“ ist 2016 erschienen und es gibt ihn bisher nur auf Englisch. Er spielt heute, auf einer Insel bei Seattle, aber teilt mit seinem bekanntesten Werk die Stimmung von Verlust und Sehnsucht.

Der Geschichtsprofessor mit wirren Hobbies und die alternde Stewardess

Die Geschichte entwickelt sich um ein altes Paar, das seit etwa 20 Jahren miteinander lebt, obwohl jeder seinen eigenen Hausstand führt.
Abe, Geschichtsprofessor in Rente, hat immer ein gutes Wort parat, vergräbt sich aber in alten Geschichten. Hervor kommt er nur für Altmännerhobbies, wie Bierbrauen und Mundharmonika Spielen, und für seine Partnerin Johanna.
Johanna ist eine alternde Stewardess, die ihre jungen, hübschen Kolleginnen nicht erträgt, aber den Weg zu ihrem über zehn Jahre älteren Partner gerne auf sich nimmt.

Beide sind einander nicht erste Wahl, eher ist es so, dass man zusammengeblieben ist um des Zusammenseins Willen, aus Einsamkeit, und weil man sich gut aneinander gewöhnen konnte. Dem Leser drängen sich diese Gedanken schon auf den ersten Seiten auf, aber für die beiden muss erst etwas passieren, damit sie aus ihrer gemeinsamen Starre aufwachen.

Eine verschüchterte Kellnerin zur Untermiete

Eines Abends treffen sie eine bezaubernde, aber verschüchtert wirkende Kellnerin. Sie laden die Fremde dazu ein, bei ihnen zur Untermiete zu wohnen, und entdecken im weiteren Verlauf der Geschichte noch mehr Gefühle von Fürsorge für die hübsche, fremdartige Frau – auf eine phantastische Weise, die den Leser bald stutzig werden lassen. Auf die beiden weit größeren Einfluss hat aber, dass sie sich bewusst werden, was sie aneinander haben – und was ihnen aneinander fehlt …

Meisterwerk des magischen Realismus und bittersüßes Drama

Summerlong hat mich von der ersten Seite in seinen Bann geschlagen. Peter S Beagles Charaktere sind in ihrem Alltag und mit ihren Nöten so real und so intensiv, wie ich das nur selten in Romanen erlebe. Wo Magisches und Reales ineinanderfließen, geschieht das mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, als gäbe es keinen Unterschied. Einen Haken gibt es dennoch: Die Geschichte erinnert mich an ein klassisches Drama, ohne Momente der Erleichterung, und das macht sie manchmal auch anstrengend zu lesen. Für dieses Buch musste ich in der richtigen Stimmung sein und mir ein bisschen Ruhe erkämpfen, ich konnte es nicht nebenbei lesen. Aber ich wurde mit einer Geschichte belohnt, die bleibt.

Die Kurzvorstellung: „Das letzte Einhorn“ und „Das letzte Einhorn“

Den Film kennt ja jeder …

Als ich ein kleiner Stups war und es noch kein Netflix gab, riss ich mich mit meinen Geschwistern um die Fernsehzeitung, denn ganz viele Sender boten ganz tolle Filme. Mich zog es in vielen Jahren zu „Das letzte Einhorn“. Die animierte Geschichte des Fabelwesens, das seinen geschützten Wald verlässt, um andere wie sich zu finden und dabei einen Teil von sich selbst auf der Suche zurücklässt; die düstere und so bemitleidenswerte Mamma Fortuna; der schreckliche und doch selbst gedrängte rote Stier; und der zutiefst traurige König Haggard, der keinen Bösewicht abgibt. Die Geschichte berührt mich bis heute.

… aber das Buch findet mehr Zeit für tiefsinnige Feinheiten

Kürzlich ist mir aufgefallen, dass ich den Roman nicht gelesen habe. Das habe ich nachgeholt und ich kann sagen: Es lohnt sich.
Das Buch ist, wie sein Film und wie „Summerlong“, melancholisch, ruhig und klug. Das Buch folgt dem gleichen Verlauf wie der Film, spinnt aber einige Feinheiten um die Charaktere, für die der Film keine Zeit findet, etwa ein weiteres trauriges Monster in Mama Fortunas Zirkus, Schmendriks Alter und einige sehr unterhaltsame Meta-Diskussionen der Charaktere über das Konzept von Geschichten. Wer das Film mochte, wird sich mit dem Buch nicht langweilen. Tipp!


„Die Verletzung des Schülers war zu auffällig, um sie zu ignorieren. Das jedenfalls dachte Herr Albrecht, als er die Tür des Lehrerzimmers öffnete und draußen den Jungen stehen sah. Gelegen kam es ihm nicht, denn er hatte kaum Zeit.“

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