Reihe: Über mich

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe. Die folgenden Kapitel sind geplant:

  1. Mein Urgroßvater und die Hexerei
  2. Man wird erwachsen, und alle setzen einem nur Unsinn in den Kopf
  3. Leider muss man irgendwann auch arbeiten
  4. Die erste Autorenzeit

In verschiedenen Teilen plaudere ich aus dem Nähkästchen und zeichne meinen Weg zum Schriftsteller nach. Wenn du bequem über Neuigkeiten Bescheid bekommen möchtest, melde dich doch beim Newsletter an.

Mein Weg zum Schriftsteller

Stefan-Egeler-01 Die erste Kurzgeschichte habe ich als Kind geschrieben, aber ich musste erst 30 werden, bevor ich meinen ersten Roman veröffentlichen konnte. Ich habe meine Umgebung schon immer aufmerksam verfolgt – dabei habe ich den einen oder anderen praktischen Umweg genommen und ganz unterschiedliche Geschichten kennengelernt.
Mit meinem heutigen Brotberuf als Ingenieur bin ich selber an den verrücktesten Welten beteiligt, aber leider wohnen dort weder Hexen noch Untote. Und weil ich mich gerne frage, wie die Sagengestalten unserer Vorfahren in der heutigen Zeit leben würden, webe ich die Antworten in meine Urban Fantasy Bücher ein. Meine persönliche Geschichte beginnt vor meiner Zeit – mit den sagenhaften Erzählungen über meinen zauberkundigen Urgroßvater.

Mein Urgroßvater und die Hexerei

Eine Auswanderergeschichte

Mein Urgroßvater mütterlicherseits ist im Bayerischen Wald geboren und aufgewachsen. Heute noch prägen die Gegend Hügel und Täler, kleine Berge mit Burgruinen, Moorlandschaften und der namensgebende dichte Wald. Ich habe dieses Jahr einige Tage in einem kleinen Dorf an einem Abhang verbracht. Nach einem Regenguss staunte ich, als der Nebel aus den Bäumen dampfte und innerhalb weniger Minuten über mich hinwegzog, bis ich gar nichts mehr vor Augen sah. In dieser Gegend weiß man einfach, dass es noch Sagengestalten geben muss.
Leider hat der Bayerische Wald ein Problem: Landwirtschaftlich gibt er nicht viel her, die traditionsreichen Glasereien schwächeln, und für große Industriegegenden fehlt im hügeligen Naturpark schlicht der Platz. Arbeit ist rar, die Leute leben von ein wenig Forstwirtschaft, ein wenig Industrie, Handwerk und Tourismus. Seit über hundert Jahren ist die Bevölkerungsentwicklung rückläufig, das heißt: die Leute wandern aus.
Mein Urgroßvater ist um 1900 geboren, in ärmlichen Verhältnissen, und deshalb gab es für ihn keine Arbeit in der Heimat. Zu einer Zeit, als viele nach Amerika auswanderten, nahm er einen Weg von etwas mehr als zweihundert Kilometern in Angriff und erreichte Oberbayern.

Arbeit in Oberbayern

Die Gegend, in die es meinen Urgroßvater verschlug, kennt noch heute ein großes Moor. Es steht inzwischen unter Naturschutz, wird renaturiert und wenn man es auf Google Maps findet, sieht man eine riesige dunkle Pfütze mitten in der Landschaft. Ein gesundes Moor sieht so nicht aus. Es ist keine dunkle Pfütze, sondern eine nasse Graslandschaft mit einigen witzigen Pflanzen (etwa den flauschigen Wollgräsern). Ein solches gesundes Moor trägt einen Schatz in sich, etwa einen halben Meter unter seiner wässrigen, bunten Oberfläche. Der Schatz heißt Torf und wir kennen ihn heute noch aus dem Baumarkt, weil wir mit ihm unseren Blumenzwiebeln Nährstoffe geben. Getrocknet war Torf zusätzlich schon immer ein tolles Heizmittel. Inzwischen ist uns Menschen aufgefallen, dass Torfabbau ziemlich umweltschädlich und hässlich ist, weil es aus einem lebendigen Moor ein totes Loch in der Erde macht – deshalb wird in Deutschland seit einigen Jahrzehnten kaum mehr Torf abgebaut. Stattdessen versucht man, die Moore zu renaturieren, das heißt, wieder in ihren alten Zustand zu bringen. Zu der Zeit, als mein Urgroßvater nach Arbeit suchte, hat man allerdings noch fleißig „Torf gestochen“. Mein Urgroßvater war froh um die Arbeit und verdiente sein Geld.

Zauberkunst

In der Gegend war er bald bekannt. Denn, das weiß ich von meiner Großmutter, er war der Hexerei mächtig und nutzte diese für Fluch und Segen. Die folgenden Geschichten werden euch sicherlich überzeugen; mich haben sie überzeugt, jedenfalls in meiner Kindheit.
Einmal, nachdem mein Urgroßvater von einem Dachdecker übel beschimpft worden war, verfluchte er den Übeltäter. Dabei dachte mein Urgroßvater intensiv an den Bösewicht, dann zertrat er die Speiche eines Rads. Da schrie der Dachdecker auf und fiel vom Dach. Die 1920er waren martialische Zeiten.
Gutes gab es auch. Er konnte – berichtet meine Großmutter – Brüche „überbeten“. Es ist so: Es gibt einige Gewebeschichten, die verhindern, dass Eingeweide im Körper herumrutschen. Ein Bruch ist ein Riss in diesem Gewebe. Man hat dann Ausbeulungen im Bauch- oder Leistenbereich, weil zum Beispiel der Darm aus dem Loch herausrutscht. Das schmerzt nicht, und ist nicht schädlich, solange der Darm sich nicht blöd verdreht (allerdings, wenn das passiert, stirbt man qualvoll). Ein Bruch trifft unter anderem Leute, die oft schwer heben, deshalb war es zu der Zeit meines Urgroßvaters in der Arbeiterschaft ein bekanntes Problem. Bindegewebe kann wieder zusammenwachsen und starke Muskeln stabilisieren den Körper auch, deshalb kann ein kleiner Bruch auch wieder verschwinden. (Trotzdem ist ein Bruch auf jeden Fall ein Grund, einen Arzt aufzusuchen! Auf jeden Fall!) Mein Urgroßvater, kein Arzt, aber Hexer, wusste um eine Behandlungsmethode, und seinen Angaben gemäß war diese magischer Natur. Meine Großmutter wünscht sich immer, er hätte es ihr beigebracht. Schön, wenn wir das heute hätten!

Zurück in der Gegenwart: Mein Urgroßvater und ich

Berichte wie dieser von meinem Großvater haben mich als Kind fasziniert und ich habe sie geglaubt. Heute bin ich etwas älter und etwas kritischer geworden. Wenn ich in Sagen, Legenden oder (sehr trocken!) Berichten über mittelalterliche Magievorstellungen schmökere, dann erfasst mich dieses Prickeln, dieses „was wäre wenn“. Gleichzeitig staune ich auch darüber, wie sich die Menschen die Welt erklärt haben. Heute wissen wir mehr, aber wir sind immer noch die gleichen Menschen wie damals. Ob Märchen, wie das vom Rotkäppchen (welches die Brüder Grimm 1812 in ihre Kinder- und Hausmärchen aufgenommen haben und wohl wesentlich älter ist), ob die Geschichte meines Urgroßvaters aus den 1920ern, oder unser Erleben heute in düsteren, nebeligen Gegenden, all das basiert darauf, dass wir unwillkürlich nach Ungeheuern und sagenhaften Gestalten Ausschau halten. Die Welt unserer Vorfahren hat wesentlich mehr Platz gelassen, sich zu ängstigen, zu wundern, auch die Taten guter oder böser Geister zu erwarten. Aber heute geht das immer noch und wir tun das auch, mehr oder weniger bewusst. Es gibt ja noch diese dunklen Ecken im Alltag, bei den Nachbarn in der Stadt (die man nicht gut kennt) oder auf dem Weg in der Dunkelheit. Ich nehme in meinen Büchern das Übernatürliche und schiebe es zurück in die reale Welt, an diese dunklen Ecken im Alltag. Meist wehrt es sich anfangs. Aber wenn Magie und Realität anfangen, sich zu beschnuppern, und schließlich ganz eigenartige Dinge miteinander treiben, dann wird es wundersam und spannend.

Demnächst geht es weiter mit meiner Kindheit!

Weitere Infos

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Der Traumjäger: Mehr über den Fantasy-Thriller um Ben und Laura.
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